Engelbert Obernosterer untersucht die Strukturen seiner Umgebung, während er zwischen seiner bergbäuerlichen Herkunft und der digitalen Welt pendelt. Dabei analysiert er, wie individuelles Handeln von digitalen Zwängen beeinflusst wird, und versucht, dies sachlich zu dekonstruieren und zu verstehen.
Auch im Gebirge gibt es Existentialismus. Engelbert Obernosterer (86) kommt geographisch und strukturell von dort her. In seinen neuen, wie er erklärt letzten Prosa-Miniaturen zeichnet er nach, wie die Bestandteile seiner Person, die nur für kurze Zeit zu einer Einheit verbunden waren, mit zunehmenden Jahren sich daranmachen, ihrer eigenen Wege zu gehen. Dabei zerreißt es den Autor zwischen seiner magischen Herkunft einerseits und den digitalen Systemen, denen er als Lehrer und Familienerhalter verpfl ichtet war, zwischen einem behaglichen Ruhestand einerseits und dem, was ihn unbarmherzig zum Schreibtisch treibt: einer anderen Sicht auf das anscheinend so friedvolle Leben auf dem Lande.
Konkret handelt es sich bei dieser Sammlung von kleineren und größeren Prosastücken um den existentiellen Kampf des Individuums gegen die übergeordneten Strukturen, wobei der Stoff vorwiegend aus der beobachtbaren ländlichen und kleinstädtischen Umgebung des Autors und seiner Lebensgeschichte entnommen ist. Die prägenden Faktoren der Erziehung und Menschenformung, großenteils an sich selbst beobachtet und studiert, ist die wichtigste Achse, um die die bohrende Neugierde kreist. Mit Händen und Füßen wehrt sich der Autor gegen diverse ihm ins Genick greifende Instanzen wie Gewohnheiten, Öffentlichkeit, Staat, Gesetz, Gott, Sprache et cetera, gespenstische Antipoden, die ihm bisweilen die Luft abschnüren. Das Schreiben gibt sich also nicht damit zufrieden, die sattsam bekannten äußeren Erscheinungen eines Provinznestes zu erfassen, sondern zeigt das durch Wiederholung stumpf Gewordene aus einem anderen Blickwinkel.
Alle Behauptungen sind Schutzbehauptungen, sind Gehirnschutz vor dem, was vor ihnen war. Wer von einem Schicksalsschlag getroffen wird, ist zuerst sprachlos und findet sich nicht mehr zurecht. Schon mit den ersten Worten beginnt er eine Schutzmauer gegen das Ungeheuerliche zu errichten. Damit, dass er die Angelegenheit in den Sprachraster von Ort, Zeit und Grund einordnet, macht er sie geheuer, etwa zu einem der Todesfälle, die sodann vom Bestattungsinstitut auf bewährte Weise abgehandelt werden. Man kennt Engelbert Obernosterer seit langem als einen Kartographen der ländlichen Verhältnisse. In den vorliegenden meist kleineren, immer aber verdichteten Prosasplittern geht es ihm um das Spannungsverhältnis zwischen Sprache und der stummen Welt, eine andere Sicht mithin, aus der hervor geht, dass das System aus Zahlen und Buchstaben insgesamt ein Haus darstellt, in dem der Sprechende vor den direkten Zustoßungen der Welt geschützt ist.
Der Entwicklungsroman beschreibt die siebenjährigen Erfahrungen des Autors in einem katholischen Internat, das auch andere bekannte Persönlichkeiten besucht haben. Er thematisiert die Spannungen zwischen individueller Entfaltung und einer jenseitsorientierten Ordnung. Das Buch erzählt authentisch und geht den Nachwirkungen nach, während Jugenderinnerungen oft in einem verzerrten, harmonischen Licht erscheinen.
In Bildbänden und Filmen wird oft ein romantisiertes Bild des hochgelegenen Tals vermittelt, das den von der Zivilisation enttäuschten Städter anzieht: intakte Natur, ungestörte Idylle und ein gesundes, traditionelles Bauernleben. Doch die Realität ist eine andere. Das Tal verändert sich: vom Magischen ins Technische. Der Bauer, einst ein Erzeuger, wird zum landwirtschaftlichen Produktionstechniker, während die alten Werte und Traditionen in den Hintergrund treten. Die Natur wird zur Ware, und auch der Mensch samt seiner Kultur gerät in diesen Sog. Was einst als bedeutungsvoller Ritus begann, wird zur Folklore und Werbung. Dennoch bleibt ein Teil der Unverkäuflichkeit erhalten. Der Fotograf vermeidet es, sich dem Gefälligen hinzugeben, und sucht stattdessen nach dem, was das Tal vor seiner Verwandlung war. Die meisten Bilder zeigen den Wandel von einer stummen, rauen Welt zu einer beredten und nützlichen. Der Schriftsteller Engelbert Obernosterer, im Tal geboren, eröffnet mit persönlichen Texten einen literarischen Zugang zur mythischen Dimension. Insgesamt wird versucht, der Region gerecht zu werden, indem auch ihre weniger bekannten Seiten gezeigt werden. Es ist kein einfaches Porträt Kärntens, sondern ein Beispiel für den Umbruch, der in vielen Alpen- und Bergregionen stattfindet.
Ein Sittenbild in 5 Aufzügen in Anlehnung an Paolo Santoninos Reiseaufzeichnungen aus dem Jahre 1485 : Zeit, 1485 n. Chr. : Ort, Oberes Gailtal und Schloss Brugg bei Lienz
Dies sind Proben aus dem Boden unter den Füßen eines Schriftstellers, der irgendwo in der österreichischen Provinz lebt. Die Feldwege sind von Entfettungsläufern verunziert, der Raps wächst von Brüssel aus, Urlauber keuchen zu einer Kapelle hinauf und beessen die Landschaft, mit der Peitsche der Klolosigkeit treibt man die aus den Bussen steigenden Senioren in die umliegenden Gasthäuser, in vorauseilendem Gehorsam räumt ein Musiker sich mittels eines Strickes aus dem Weg, die Trauer trägt man als schwarzes Kostüm mit dazupassendem Täschchen. ... Registriert werden ferner: Existenzverstopfung, ehegeschädigte Gefühle, Selbstabholungen und dass die am tiefsten empfinden, die es zu den höchsten Ämtern gebracht haben