Das Wechselspiel von Licht und Schatten, von Diesseitsfreude und religiöser Inbrunst, Gewalt und Erotik, Naturalismus und Theatralik macht das Werk des italienischen Barockmalers Michelangelo Merisi da Caravaggio einmalig. Höchst abwechslungsreiche Beschreibungen seiner Gemälde bilden das Rückgrat von Christoph Geisers 1987 erstmals veröffentlichtem Roman Das geheime Fieber. Vor den Bildern steht ein moderner Betrachter, der ihnen nach Rom und nach Neapel nachreist, gleichermaßen verführt durch deren Meisterschaft und deren Jünglingsakte. Hinter den Bildern steht die schillernde Figur des Künstlers, dessen Leben in Schlüsselszenen vergegenwärtigt wird. Der Aufeinanderprall von Gegenwart und Geschichte, Wirklichkeit und Kunst, Sublimation und körperlichem Begehren treibt immer neue Überblendungen hervor, die der Virtuosität der barocken Malerei ein modernes literarisches Äquivalent entgegenstellen. Sachkundig und schonungslos wie kaum ein anderer Künstler- oder Kunstroman lässt Das geheime Fieber die glanzvollen und die dunklen, tabuisierten Seiten großer Malerei zur Geltung kommen. Neben die Auseinandersetzung des Autors mit dem eigenen Leben, der eigenen Zeit tritt hier diejenige mit historischen Figuren; damit beginnt eine neue, artistischere Phase in Christoph Geisers Schaffen.
Christoph Geiser Books






An einem heißen Tag im Schwimmbad, allein zwischen Tausenden, hält der Erzähler an seinem 29. Geburtstag einen Brief seines Vaters in der Hand. Der Vater berichtet von seinem Garten und dem großen Haus, das er nach der Pensionierung gekauft hat, und lädt den Sohn ein: "Du kannst bleiben, solange du willst." Wochen später folgt der Sohn der Einladung und trifft im Elternhaus nur die alte Haushälterin an; die Mutter ist mit ihrer karitativen Arbeit beschäftigt, der Bruder hat seine Hobbys, und der Vater lebt allein auf dem Land. Der Roman thematisiert Vereinzelung und Gefühlsarmut, den Verlust von Gemeinschaft und die Isolation als Krankheit der Familie. Der Erzähler ist zwischen diesen Welten gefangen. Er teilt mit dem Vater die Sehnsucht, aus der Isolation auszubrechen, kämpft jedoch mit der Ungeübtheit, Gefühle zu zeigen. Ein späterer Versöhnungsversuch endet in Sprachlosigkeit: "Es gibt nichts, was wir uns jetzt noch sagen sollten." Die Sprache ist sensibel und klar, die Stimmungen und Landschaften präzise eingefangen. Die wahre Bedeutung des Romans offenbart sich, wenn man hinter den Bildern nach tiefergehenden Sinnbildern sucht.
In seinen beiden ersten Romanen schickt Christoph Geiser einen jungen Erzähler auf die Reise - ins schneesichere Zermatt auf Winterurlaub in Grünsee und ins Brachland, wo Vaters eigentlich viel zu großes Haus steht. Und beide Reisen führen in die Vergangenheit, zu den Erinnerungen an die Familie, an die Gemeinsamkeit, die nicht mehr ist. Vielleicht auch niemals war. Was hat die Familie auseinanderfallen lassen? Geiser sucht nicht nach der absoluten Antwort, er beschreibt, in seiner sensiblen und klaren Sprache, in lakonischem Tonfall, was die Beteiligten seiner Geschichten vorfinden. Seine Romane sind Besichtigungen einer Familie und ein Bericht über den Versuch eines Außenseiters, sich in der eigenen Geschichte wiederzufinden. Grünsee und Brachland sind zwei abgeschlossene Romane, die jeder für sich stehen können, die beide von Isolation, Vereinzelung und Gefühlsarmut erzählen und zusammen die Geschichte vom Zerfall einer Familie entstehen lassen.
In der neuen Wohnung der Mutter begegnet der Erzähler sich selbst als Kind: der Fotografie eines 14-Jährigen, mit großen, abstehenden Ohren und störrisch verstörtem Blick. Er erinnert sich an den Jungen, der er damals war: ein hilfloser Außenseiter mit philosophischen Neigungen und sexuellen Nöten, ein Kind mit der fixen Idee, in ein Kloster einzutreten, um der Familie zu entkommen. Die Geschichte einer Wiederbegegnung mit sich selbst, die Geschichte einer Verführung. Ein hintergründig-beziehungsreiches Spiel, voller Erotik und Ironie.
Grünsee
- 260 pages
- 10 hours of reading
Der erlesenen Reihe der in Zeiten von Covid-19 wiederentdeckten Seuchenliteratur gilt es mit der Neuedition von Christoph Geisers Romandebüt Grünsee ein weiteres Werk der jüngeren Literaturgeschichte hinzuzufügen. Der erstmals 1978 publizierte Text markiert Geisers internationalen Durchbruch als Schriftsteller und bildet den Auftakt seines bei Leserschaft und Kritik gleichermassen gefeierten autobiographischen Schreibprojekts »Rückkehr zur Herkunft«, das über vier Jahrzehnte nach Erscheinen nichts von seiner Faszinationskraft verloren hat. Vor der symbolträchtigen Kulisse des Matterhorns verwebt der jährlich zum Skifahren nach Zermatt zurückkehrende Erzähler auf einer dreitägigen Erinnerungsrecherche geschickt die subtile Rekonstruktion der die Schweiz erschütternden Typhus-Epidemie von Zermatt des Jahres 1963 mit der gleichzeitigen Dekonstruktion seiner nur scheinbar ›heiligen‹ und von ganz anderen Erschütterungen heimgesuchten großbürgerlichen Familie. In der mithin gleich doppelten Verfallsgeschichte diagnostiziert Geiser vor der Folie der Typhus-Epidemie mit erzählerischer Souveränität die gleichsam schreiende Sprachlosigkeit als die eigentliche Familienkrankheit.
Diese acht Erzählungen aus zwölf Jahren (1981-93) bieten einen spannenden Einblick in die Entwicklung des Autors, sie kommentieren gewissermaßen die umfangreicheren Arbeiten. Thematisch kreisen alle Geschichten um Spielarten der Liebe, von der Beobachtung badender Jungen im Fluß bis zur selbstzerstörerischen masochistischen Fantasie in der Titelgeschichte „Wunschangst“. Tilman Krause in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „In sprachmächtigen Phantasien hat Geiser das frühe Unbehagen wiedergefunden und münzt es nun in Lust um. Von Angst nährt sich bei ihm die Lust, eine Lust, die das Erschrecken vor sich selbst inszeniert. Noch immer erstaunen der Autor und seine Ich-Erzähler, daß dies mögich ist: wechselseitige wortlose Hingabe, Verführung und Berührung. Die einst keine Härte kannten, sind nun Meister einer aggressiven Eroberung und zelebrieren hochritualisierte Liebesspiele.“
Kindheitsgeschichten
- 267 pages
- 10 hours of reading
Ein homoerotisches Bild Caravaggios, das der Schriftsteller in einem Berliner Museum entdeckt, löst in ihm eine Obsession aus; er sucht die Bilder des Malers in Rom und Neapel auf, taucht in sie ein, fällt mehr und mehr aus dem Leben.Die Geschichte einer Obsession und das faszinierende Porträt des Malers Caravaggio.
Wüstenfahrt. Roman
- 235 pages
- 9 hours of reading
Desaster. Ein Regelverstoß
- 320 pages
- 12 hours of reading
„Desaster“ ist der Abschluss von Christoph Geisers Trilogie über das Scheitern. Der Wir-Erzähler reflektiert die Auswirkungen von 9/11 auf das literarische Schaffen und das eigene Begehren. Geiser untersucht die befreiende Kraft des Regelspiels in der Literatur und thematisiert das Verhältnis zwischen Literatur und Welt. Der Text erscheint unter dem ursprünglich geplanten Titel.
Christoph Geisers Wüstenfahrt ist das eindringliche Erinnerungsdokument einer Liebesbeziehung zweier Männer, die am unauflöslichen Widerstreit von persönlichen Wünschen mit geltenden Konventionen zerbricht. Hier erzählt ein zum ewigen Versteckspiel gezwungenes, ein durch die Ächtung offen gelebter Homosexualität im Bundesbern der 1970er-Jahre stets existenziell bedrohtes Ich: „Töte mich – ich kann nicht mehr spielen.“ Wüstenfahrt handelt aber auch generell von den Ängsten des unerlösten Außenseiters – und von seinem Widerstand gegen die drohende Desintegration: „Ich kämpfte, deine Bilder in den Augenwinkeln, um meinen eigenen Zusammenhang.“ Nach seinem in Deutschland und der Schweiz weithin gefeierten Debüt mit den beiden Familienromanen Grünsee (1978) und Brachland (1980) brach Geiser 1984 in seiner Wüstenfahrt aus der Schweizer Enge in die Weite Arizonas aus, löste sich vom Familienstoff und machte die Homosexualität zu seinem Thema. Noch heute frappiert der Mut dieses unverschleierten journal intime, das den Geist der Neuen Subjektivität atmet und trotz seiner Radikalität nicht aufdringlich, sondern nachdenklich-präzise die Anamnese einer gescheiterten Beziehung vornimmt.
Ein Roman um das Verhältnis von Sexualität, Macht und Gewalt. Dem unbekannten Marquis de Sade gerecht zu werden, ist eines seiner Anliegen. Doch reicht seine Bedeutung weit darüber hinaus. 'Das Gefängnis der Wünsche' ist eine faszinierende, tempo- und anspielungsreiche Auseinandersetzung mit einem Augenblick europäischer Geistesgeschichte, da eine Fehlentwicklung begann, deren Folgen noch heute zu spüren sind.
Das Fort am Meer
- 266 pages
- 10 hours of reading
Band 5 (Romane 5).











