Poetry Slams haben mit herkömmlichen literarischen Lesungen wenig gemein. Als typische Pop-Idee kamen sie aus den USA und tauchen, nachdem sie sich in der amerikanischen Pop- und Underground-Szene durchgesetzt haben, zunehmend auch in Großbritannien und Deutschland auf. Mit den Slams hat die Literatur endlich zurück in die Clubs und Bars, zurück ins Nachtleben und zu dem vermeintlich abhanden gekommen Publikum gefunden. Literatur und Pop hatten es im deutschsprachigen Raum die meiste Zeit schwer miteinander. Das scheint sich im Moment zu ändern. Andreas Neumeister und Marcel Hartges stellen kompetent und engagiert die Vielseitigkeit und Unterschiedlichkeit der Texte und Autoren der vitalen Slam-Szene dar.
Andreas Neumeister Books






Der Autor Andreas Neumeister verlässt mit seinem dritten Buch den südbayerischen Starnberger Kosmos und die Stadt München, um das neue Berlin nach dem Mauerfall zu erkunden. In einem kritischen Zeitgeist- und Bewusstseinsarchäologie-Ansatz dokumentiert er das wiedervereinigte Deutschland und dessen Platz in Europa. Während sein vorheriges Werk „Salz im Blut“ die letzten Abenteuer des 20. Jahrhunderts festhielt, setzt Neumeister nun die Archivierung neuer Erfahrungen fort. Er beschreibt, wie Westberlin in kurzer Zeit zur Geschichte wird und sich die Realität radikal verändert. Mit einem wachen Blick macht sich sein erzählendes und fotografierendes Ich auf, um das neue Deutschland im Winter 1990/91 literarisch zu erforschen. Seine Sprachästhetik ist ebenso radikal und assoziativ wie die Veränderungen, die er dokumentiert. Auf Reisen, bevorzugt mit der Reichsbahn, vermisst er die neue Nähe und betrachtet Städte und Landschaften mit einem popkulturellen Blick. Ob in Thüringen, an den mecklenburgischen Seen oder in Ungarn – Neumeister beleuchtet die jüngste Geschichte und reflektiert über neue Medien und Weltordnungen. Sein respektloser Blick als „Komparatist“ zeigt, dass Geschichte ausdeutschend ist und dass der Konjunktiv viele folgenreiche Geschichten kennt.
Angela Davis löscht ihre Website
Listen, Refrains, Abbildungen
In "Angela Davis löscht ihre Website" wird die Verbindung von politischem Denken und Pop untersucht. Die Autorin hinterfragt die Medienrealität und die Wahrnehmung von Gewalt in der heutigen Gesellschaft. Gegensätze verschwimmen, während das Buch die Frage nach der Realität und der neuen Weltordnung aufwirft.
Es gibt Menschen, für die spielt Musik eine nebensächliche Rolle; sie interessieren sich nicht einmal für Klassik. Roman kennt solche Zeitgenossen in München, die in dieser musikbesessenen Epoche weder Popmusik noch andere Musikrichtungen schätzen. Diese Gleichgültigkeit macht ihn krank, besonders wenn sie bei dem Wort Kraftwerk nur an Stromerzeugung denken. Andreas Neumeister folgt in seinem Prosamonolog dem elektronischen Rhythmus der Gegenwart und beleuchtet die Geschichte der Musikbesessenheit. Für ihn endet mit dem Stadiondach der Olympischen Spiele 1972 und dem ersten Kassettenrecorder die Nachkriegsära, während die späten Siebziger mit Donna Summer und Giorgio Moroder den Übergang ins neue Jahrtausend markieren. Alte Vinylplatten werden zu Sample-Material für digitale Projekte, und die Jahrzehnte verschmelzen: Die Siebziger beeinflussen die Neunziger und ziehen die misslungenen Achtziger mit sich. Veränderungen geschehen so schnell, dass man aufpassen muss, sie wahrzunehmen; ein Menü besteht nicht mehr aus Gängen, sondern aus Untermenüs. Taxis und Telefonzellen verlieren ihre traditionellen Farben. Neumeister, als atemloser Chronist, führt eine musikalische Inventur des Jahrtausends durch, ohne Larmoyanz, aber mit großer Neugier. Er freut sich auf die verwirrenden ersten Wochen des 21. Jahrhunderts und ist erleichtert, dass das 20. Jahrhundert endlich vorbei ist.
Salz im Blut
- 195 pages
- 7 hours of reading
„Die Leber von München, klar, die Lunge von München keine Frage, der Blinddarm von München, der Arnus von München, die Milz von München, alles unübersehbar. Doch wo bloß versteckt sich das legendäre Herz, das pumpt?“ Sprachgewaltig, sprachverliebt, auch experimentierend, tastend, suchend und immer wieder überraschend nimmt der Autor seine Leser mit auf einen Stadtrundgang in Assoziationen.
Äpfel vom Baum im Kies
- 260 pages
- 10 hours of reading
»Kenne keine längere, keine kürzere und überhaupt auch keine andere Geschichte als die meines eigenen Lebens und all dessen, was mich in den dazugehörigen Tagen beschäftigt hat. Alles hat sich von Grund auf verändert. Im Grunde hat sich nichts verändert.« 1988 erscheint das Debüt des jungen Starnberger Schriftstellers Andreas Neumeister, das durch seine Eigenwilligkeit überrascht. Es gleicht einem Riesenpuzzle, denn auch »das Leben ist kein Roman«. Neumeisters Erstlingswerk spielt mit Genres und kombiniert autobiografische Erinnerungen, bayerische Heimatkunde, politische Geschichte sowie geologische und ethnologische Exkursionen. Aus Naturbeschreibungen, Briefen, Reiseberichten und alten Schulaufsätzen entsteht das Leben des Andreas Nachleger. Dieser muss während des Heranreifens seiner Gedanken ständig nachlegen, um den Gedankenfluss aufrechtzuerhalten. Die Prosa ist voller Witz, Rhythmus und Sprachgefühl und lässt den Leser nicht zur Ruhe kommen. Neumeister umkreist die geschichtliche Landschaft seiner Heimat, in der Schrecken und Schönheit, Vergangenes und Gegenwärtiges verschmelzen. Nichts bleibt bedeutungslos, und die Wirklichkeit wird in grotesken Volten zur Kenntlichkeit entstellt. Kalauer und Trivialmythen stehen neben philosophischen Einsichten, während Nähe und Ferne, Zeit und Raum unentwegt miteinander vermengen. Dieses Debütroman zeugt von der Vielzahl an Einflüssen, die Neumeister geprägt haben.
Zustände wie im alten verglichen mit Zuständen wie im neuen Rom. Könnte Köln sein. Die Stadt, in der wir leben, die komplett von Menschen gemachte Welt, das hat Andreas Neumeister schon immer interessiert. In seinem neuen Buch nimmt er urbane und pseudo-urbane Architektur in den Blick, sei es nun in München, Mexiko-Stadt, in der stadtähnlichen nordamerikanischen Provinz, in Los Angeles, Moskau oder Reykjavík. Bewachte Siedlungen, Trailer Parks, Event-Wohnen, Pinselsanierung, Architectural Correctness: von den Hütten zwischen Stadtautobahnschleifen zu den Palästen in zentraleren Lagen. Wie spiegelt sich Politik in Gebäuden? Wie modern kann eine faschistische Parteizentrale aussehen? Bilbao-Effekt klingt gut, Wohlfühlbahnhof noch besser. Wen vereinnahmt die Stadt? Und wen spuckt sie wieder aus? Wem gehört die Straße zwischen all den Gebäuden, die in Stadtzentren seltsam autistisch herumstehen? Andreas Neumeister fällt erzählend mit der Tür ins Haus, zoomt mitten hinein in die deutsche „gemuetlichkeit“, durchmißt Straßenfluchten, Megastädte und Stadtrandwahnsinn. Architektur als „gefrorene Musik“, als sichtbare Geschichte: für die Geschichte gebaut oder für „real-lebende, original-echte Bewohner“?
Literaturmagazin - 37: Pop, Technik, Poesie
- 190 pages
- 7 hours of reading


