Jahrbuch 2021/2022 der Oskar Maria Graf-Gesellschaft
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Literarische Geselligkeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert
Der literarische Salon gilt seit seinen Anfängen in Berlin um 1800 als Ort des geselligen Beisammenseins und der zweckfreien Konversation. Dabei spielt er u. a. für die Emanzipation der Frau eine wichtige Rolle. Durch seine Offenheit für verschiedene soziale Gruppierungen bietet er die Möglichkeit zum intensiven Meinungsaustausch. Die Geselligkeit schafft, so Georg Simmel, eine "ideale soziologische Welt". In diesem Sinn trägt der Salon utopische Züge. Die literarischen Salons in München sind bis heute wenig erforscht. Der Band versammelt alle Expertinnen und Experten zum Thema und gibt erstmals einen Überblick über die Entwicklung der Münchner Salons im langen 19. Jahrhundert bis hin zur Weimarer Republik.
Dieser Band zeichnet den Weg der Münchner Autoren, ihre Netzwerke und das literarische Leben in der Stadt ebenso nach wie ihre literarische Darstellung vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Es wird nicht nur über die allseits bekannten „Stars“ berichtet, sondern auch über (fast) vergessene und übersehene, aber nicht minder wichtige Autorinnen und Autoren und ihre Verwurzelung in der Stadt. Münchens Vergangenheit ist übervoll mit Literatinnen, Literaten und Themen: Von Ulrich Fuetrer und Jacob Balde über Franz Graf Pocci, Paul Heyse und Thomas Mann bis zu Ulrike Draesner und Dagmar Nick zeigen die Beiträge namhafter Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, wie München zu einer Weltstadt der Literatur wurde.
Franziska zu Reventlow und der Erste Weltkrieg
Im November 1914 kehrt die Schriftstellerin Franziska zu Reventlow nach München zurück und ist entsetzt über den preußischen Militarismus, der die einst freie, kosmopolitische Stadt durchdringt. Uniformen prägen das Straßenbild und das Leben der „braven Deutschen“. Die blinde Freude am Krieg und das Säbelrasseln stoßen sie ab. Sie kann nicht akzeptieren, dass ihr kaum erwachsener Sohn Rolf als Soldat in den Krieg geschickt werden soll. Stattdessen plant sie heimlich seine Desertion und gibt sich als Spionin aus. In ihrem Essay „Die Kehrseite des deutschen Wunders“ spricht sie offen über die Verblendung der Europäer, militärische Schikane, Hungerzeiten und das Wirrwarr von Spitzeln und Denunzianten. Zudem schildert sie die abenteuerliche Rettung ihres Sohnes vor dem ehrenlosen Tod im Feld. Lange Zeit blieb ihr persönlicher Beitrag zum Ersten Weltkrieg unbekannt, bis er von der südafrikanischen Professorin Catherine du Toit wiederentdeckt wurde. Nun wird er erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und bereichert die Reihe „Vergessenes Bayern“ mit informativen Hintergrundtexten, die den Essay historisch und literaturwissenschaftlich beleuchten, sowie mit einem Bericht über die Umstände und die Bedeutung dieses bemerkenswerten Fundes.
"Darf ich Ihnen meinen Wunschzettel mitteilen?"§Thomas Mann, 20. Januar 1928§§Thomas Mann lieh sich als arrivierter Autor seine Bücher in der Bayerischen Staatsbibliothek nicht einfach aus, sondern schickte dem damaligen Leiter der Erwerbungsabteilung lieber "Wunschzettel" für seine Lektüre. Für den Bohemepoeten Gustav Gräser war die Ludwigstraße 16 jahrzehntelang ein zweites Zuhause, der Kabarettist Dieter Hildebrandt konnte sich als junger Student nur wenig Lesestoff ausleihen: ein Viertel der Bücher war bei einem Bombenangriff ein Raub der Flammen geworden §§August Wilhelm Schlegel, Lion Feuchtwanger, Ludwig Thoma und Oskar Maria Graf, Rainer Werner Fassbinder, R.W.B. McCormack sowie Ulrike Draesner und viele andere mehr sie alle widmeten sich in Tagebucheinträgen, Briefen, Romanen, Erzählungen und Gedichten dem Thema Bayerische Staatsbibliothek: literarisch, lebendig und mit Leidenschaft.